Mein Kind ist hochsensibel

Mein Kind ist hochsensibel

“Ich kann heute nicht in die Schule gehen!” Natürlich sind Lukas’ Eltern genervt über die bestimmte Ansage ihres neunjährigen Sohnes an einem normalen Montagmorgen. Andererseits sind sie nicht überrascht: Lukas war schon immer empfindlicher als gleichaltrige Kinder, und unbekannte Situationen überfordern ihn leicht. Lukas gehört zu den etwa 15-20% hochsensiblen Menschen unter uns. Hochsensibilität ist keine Krankheit sondern eine Veranlagung, die einige Gemeinsamkeiten mit Introversion hat. Der Begriff wurde erstmals Mitte der 90er-Jahren von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron verwendet. 

Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr und müssen mehr verarbeiten

Hochsensible Menschen nehmen Sinneseindrücke viel intensiver wahr als andere. Was ihnen fehlt, ist eine Art Filter, eine “emotionale Schutzschicht”. Hochsensible Menschen brauchen mehr Zeit und Energie, um Geräusche, Stimmungen und Geschehnisse um sie herum zu verarbeiten. Sie sind von Alltagssituationen schneller überfordert und müssen sich daher vor Überreizung schützen. Wenn sie sich dieses Bedürfnis nach Abgrenzung nicht zugestehen oder ihre Mitmenschen kein Verständnis dafür zeigen, so werden sie schnell als reizbar und überempfindlich angesehen – und werten dies in der Folge selbst als persönliche Schwäche.

Da Hochsensibilität keine Krankheit ist, sind viele Ärzte und Psychologen noch zu wenig fürs Thema “sensibilisiert” und es braucht ein gewisses Mass an Glück, um an die richtigen Fachpersonen oder entsprechende Lektüre zu gelangen. 

Für viele Hochsensible gibt es ein “Vorher” und ein “Nachher”. Dazwischen liegt die Erkenntnis über die eigene hochsensible Veranlagung. In Internetforen schildern viele Betroffene grosse Erleichterung darüber, dass sie nicht allein sind. Eine Leserin schreibt: “Ihr sprecht mir aus der Seele. (…) Endlich machen so viele Dinge Sinn, und ich fühle mich nicht mehr so fehl in dieser Welt.” oder: “Es ging einfach nicht mehr. Und ich habe mich schon gefragt, was zur Hölle nicht mit mir stimmt. Dann kam dieser Begriff um die Ecke und ich habe viele Bücher gelesen und allein die Erkenntnis, dass es dafür einen Namen gibt, war schon unendlich erleichternd.”

Entscheidend ist, die eigene Hochsensibilität zu erkennen und anzunehmen

Das “Vorher” von hochsensiblen Menschen ist geprägt von Reizüberflutung, Stress und Selbstzweifeln. Wenn man sich jedoch mit seiner Veranlagung auseinandergesetzt hat und sie als Teil der eigenen Persönlichkeit akzeptieren kann, erkennt man im “Nachher” auch viele positive Seiten, auf die man den Blick lenken sollte: Einfühlungsvermögen, Gewissenhaftigkeit, Kreativität, eine gute Beobachtungsgabe und Intuition.

Kinder wie Lukas brauchen Erwachsene, die ihre hochsensible Veranlagung erkennen und verstehen. Ihre Bezugspersonen müssen sie darin unterstützen, sich abzugrenzen und nein zu sagen, wenn zu viele Reize das Kind überfordern. Mehr als andere Kinder benötigen sie die Sicherheit, mit all ihren Stärken und Schwächen angenommen zu sein. Sie sollten früh lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und ernst zu nehmen, damit sie eine gesunde Selbstachtung entwickeln.

Lukas hat Glück: Seine Eltern haben seine Hochsensibilität früh erkannt. So können sie heute besser auf seine Bedürfnisse eingehen, auch wenn das zuweilen mehr Geduld und Toleranz erfordert. Gleichzeitig haben sie gelernt, die Stärken ihres Sohnes zu schätzen und zu fördern, unter anderem seine Empathie, seine Reife und sein Gerechtigkeitsempfinden. Viele Hochsensible entdecken schöpferische Tätigkeiten für sich, aus denen sie Energie gewinnen, wie etwa das Schreiben. Stellvertretend dafür steht die 17jährige Daisy Gumin, die in sehr ergreifender Weise ihre intensiven Gefühle in Worte fasst.

Welches waren die wichtigsten Erkenntnisse für Lukas’ Eltern? Vielleicht, dass ein Kind wie ein Samenkorn ist, aus dem eine Blume wächst. Wir haben keinen Einfluss darauf, ob es ein Löwenzahn, eine Sonnenblume oder eine Rose wird. Jede Blume braucht andere Bedingungen, um gut wachsen und gedeihen zu können. Ähnliches gilt für unsere Kinder – wir können ihr Wesen nicht ändern, wohl aber für bestmögliche, individuelle Wachstumsbedingungen sorgen.

Erstveröffentlichung im Mamablog am 22. Oktober 2019.