Warum zuhören so wichtig ist

Warum zuhören so wichtig ist

Vor zweieinhalb Jahren war ich mit meinem Sohn zur Nachbehandlung seines ausgekugelten Ellbogens beim Kinderchirurgen. Dieser nahm sich Zeit und interessierte sich für sein Hobby, das Biken, und sein Pech beim Trampolinspringen. Gut ein Jahr später fiel er auf den anderen Ellbogen. Die Kinderärztin schickte uns nach einem flüchtigen Blick auf die Verletzung zum Röntgen. Für die anschliessende Untersuchung war wenig Zeit verfügbar und mein Sohn fühlte sich nicht verstanden. Klar, die äusseren Umstände waren sehr unterschiedlich, der Chirurg hatte Zeit und die Kinderärztin nicht. Wie entscheidend das war, merkte ich in den folgenden Tagen, als mein Sohn nicht über seine Verletzung jammerte, sondern darüber, wie unzufrieden er mit der Behandlung war und mit dem aus seiner Sicht unnötigen Gipsverband.

Bei einem gemeinsamen Glas Wein erzählte mir meine Kollegin Karin*, wie sie als 19jährige zu viele Schlaftabletten geschluckt hatte. Sie fand sich in der Psychiatrie wieder und fühlte sich dort so unwohl, dass sie diesen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen wollte. Aufgrund der diagnostizierten Depressionen wurde sie ambulant weiter behandelt. Karin berichtete: “Die Psychiaterin, die mich dann betreut hat, hat mir echt weitergeholfen. Ich bin ihr heute noch dankbar.” Ich fragte meine Kollegin, was diese Fachperson anders gemacht hatte. Karin überlegte eine Weile. Dann antwortete sie mit Nachdruck: “Sie hat mich ernst genommen.”

Erst verstehen, dann verstanden werden

Das Gefühl, ernst genommen zu werden, war der Nährboden für das Vertrauen, das für meinen Sohn und Karin genauso entscheidend war wie das ärztliche Know-how, wenn nicht sogar match-entscheidend. Wenn wir krank oder verletzt sind – nicht nur körperlich – dann spüren wir dieses Bedürfnis besonders stark. Aber da die ärztliche Leistung “Zeit haben und Zuhören” zu schlecht vergütet wird, wird sie nur sparsam angewandt.

Allerdings, und das ist das Gute daran: Ernst nehmen können wir uns auch gegenseitig, dafür braucht es keine Fachpersonen. Unvoreingenommen sein und unseren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen, das ist es, was der dänische Familientherapeut Jesper Juul unter dem Begriff “Gleichwürdigkeit” versteht. Er schreibt: “Wenn du nicht bereit bist, dein Kind ernst zu nehmen, erwarte auch nicht, dass es dich ernst nimmt.”

Einen ähnlichen Hinweis finden wir auch in den  “Seven Habits of Highly Effective People” von Stephen Covey, ein Buch das vor 30 Jahren nicht nur in Management-Kreisen grossen Zuspruch fand: ”Erst verstehen, dann verstanden werden. Man kann andere Menschen am ehesten zu etwas bewegen, wenn man sich zuerst um sie kümmert, ihnen zuhört und sich von ihnen beeinflussen lässt.” Wenn wir mit der Absicht zuhören, andere zu verstehen, statt mit der Absicht zu antworten, kommunizieren wir auf eine Weise, die unser Gegenüber Vertrauen und Verbundenheit spüren lässt.

Ein Mädchen, das wenig hat und viel gibt

Was gutes Zuhören bewirken kann, das beschreibt Michael Ende sehr eindrücklich in seiner Geschichte über Momo. Das bekannte Jugendbuch von 1973 hat in keiner Weise an Aktualität eingebüsst, im Gegenteil: 

«Was die kleine Momo konnte wie kein andere, das war: Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, Zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie sass nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.

Dabei schaute sie den anderen mit ihren grossen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie im ihm stecken. Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.

Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst sei nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte. Dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören.”

Momo schenkte ihren Mitmenschen ihre Zeit und ihre volle Aufmerksamkeit – viel mehr besass sie gar nicht. Ich finde, mehr “Momos” würden unserer Gesellschaft guttun.

*Name geändert

Erstveröffentlichung im Mamablog am 16. April 2020.